„Kinder sind wie Schwämme, für sie ist eine Sprache viel leichter zu lernen” wird fast wie eine universelle Weisheit wiederholt. Stimmt das, oder ist es eine Vereinfachung, die nur zur Hälfte zutrifft? Linguisten diskutieren diese Frage seit Jahrzehnten rund um eine Theorie namens „kritische-Phase-Hypothese”.

Was besagt die kritische-Phase-Hypothese?
Der Theorie zufolge ist das Gehirn bis zu einem bestimmten Alter (meist irgendwo vor der Pubertät angesetzt) in besonderer Weise offen für den Spracherwerb; schließt sich dieses Fenster, ist das Sprachenlernen zwar weiterhin möglich, wird aber deutlich mühsamer. Am klarsten zeigt sich dieser Effekt bei der Aussprache: Kinder, die früh einer zweiten Sprache ausgesetzt sind, sprechen sie mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit akzentfrei wie Muttersprachler als Erwachsene. Bei Grammatik und Wortschatz ist das Bild jedoch weit weniger eindeutig.
Die Vorteile, die Erwachsene tatsächlich haben
Interessanterweise schreiten Erwachsene und ältere Kinder beim Vergleich der kurzfristigen Lerngeschwindigkeit meist schneller voran als kleine Kinder — weil sie bereits ein abstraktes Verständnis davon haben, wie eine Sprache funktioniert, über stärkere Gedächtnisstrategien verfügen und die Disziplin für bewusstes Lernen mitbringen. Während ein kleines Kind jahrelange intensive Sprachexposition braucht, um Muttersprachniveau zu erreichen, kann ein motivierter Erwachsener in wenigen Monaten grundlegende Kommunikationsfähigkeit erreichen. Der eigentliche Unterschied ist, dass Kinder diesen Prozess spielerisch und durch natürliche Interaktion durchlaufen, ohne Angst — während Erwachsene sich oft aus Angst vor Fehlern selbst zurückhalten.
Was bedeutet das in der Praxis?
- Früher Start zählt vor allem beim Akzent: Die stärkste Annäherung an einen muttersprachlichen Akzent zeigt sich bei früh und regelmäßig exponierten Kindern — das heißt aber nicht, dass Spätstarter nicht fließend werden können.
- Regelmäßiger Kontakt zählt in jedem Alter: Eine Stunde pro Woche reicht in keinem Alter für nachhaltigen Spracherwerb; kurzer, täglicher Kontakt ist weit wirksamer.
- Angst abzubauen ist unabhängig vom Alter Priorität: Wer keine Angst vor Fehlern hat — ob mit 5 oder mit 35 — kommt deutlich schneller voran.